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Digitale Psychotherapie: Auf die richtige Mischung kommt es an

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Digitale Anwendungen finden mittlerweile immer häufiger Anwendung in der Psychotherapie, ob alleine oder in Kombination mit der konventionellen persönlichen Therapie. Das Spektrum an Angeboten ist dabei durchaus vielfältig und reicht von reinen Online-Programmen bis hin zu einer SMS-Unterstützung der persönlichen Therapie. Andere Länder nutzen digitale Anwendungen schon häufiger, etwa, um Personen in abgelegenen Gegenden oder sozial benachteiligte Personen besser zu erreichen. Doch auch in Deutschland tut sich einiges, wie etwa das vor kurzem veröffentlichte Statement der Bundespsychotherapeutenkammer, die fordert, Internetpsychotherapie zur Leistung aller (gesetzlich) Versicherten zu machen.

Trotz vielversprechender Studienergebnisse und ermutigender Erfahrungen haben einige Personen noch immer ein gewisses Unbehagen, wenn sie von digitalen Anwendungen in der Psychotherapie hören. Schließlich kommt es doch gerade in diesem Bereich auf den persönlichen Kontakt an. Da ist es hilfreich, mit denjenigen zu sprechen, die direkt in die Behandlung involviert sind. Die Bertelsmann Stiftung hat nun ein Interview mit Adrian Aguiliera von der Berkeley School of Social Welfare der University of California veröffentlicht. Aguilera hat ein Programm mit entwickelt, das einen auf Algorithmen basierten SMS-Nachrichtendienst beinhaltet. Durch den Dienst werden die Patienten, insbesondere solche aus niedrigen Schichten und ethnischen Minderheiten, bei der Therapie unterstützt. Hier einige Auszüge aus dem Interview, in der Aguilera insbesondere betont, dass es auf eine Mischung zwischen menschlicher Interaktion und digitalen Anwendungen ankommt.

 

Was hat Ihr Team dazu bewegt, einen Algorithmus und eine digitale Anwendung zur Unterstützung der psychotherapeutischen Behandlung zu entwickeln?

Aguilera: „Reale und nachhaltige psychologische Veränderungen sowie Verhaltensänderungen passieren im Alltag, nicht einfach während einer einstündigen Therapiesitzung. Wir wollten daher den Leuten helfen, sich kontinuierlich an ihre in der kognitiven Verhaltenstherapie erworbenen Fähigkeiten im Alltagsleben zu erinnern und diese einzuüben. Außerdem möchten wir die Teilnahmeraten und die Anzahl der Teilnehmer, welche die Therapie erfolgreich abschließen, erhöhen. Denn unregelmäßige Teilnahme und Abbruch der Therapie erweisen sich generell als problematisch und sind ausgeprägter bei Patienten aus Schichten mit niedrigerem Einkommen.“

Welche Hürden sollten angegangen werden, um digitale Lösungen in der psychotherapeutischen Behandlung in größerem Umfang zugänglich zu machen?

Aguilera: „Wir denken, dass Technologie für einen besseren Zugang zur Versorgung im Bereich der geistigen Gesundheit und Psychotherapie genutzt werden sollte. Psychotherapie ist noch relativ teuer [in den USA] und wird eher von Menschen mit höherem Einkommen genutzt. Hier können digitale Technologien dafür sorgen, einerseits mehr Angebote für mehr Menschen bereitzustellen und andererseits bereits existierende Interventionen zu verbessern; denn diese sind vor allem in den USA oftmals von einer minderen Qualität im Bereich der öffentlichen Versorgung und in Settings mit vielen Geringverdienern.“

Warum scheinen Ihrer Erfahrung nach digitale Lösungen gerade in der Psychotherapie so gut zu funktionieren?

Aguilera: „Der Hauptvorteil einer Verbindung digitaler Lösungen mit der Psychotherapie liegt darin, die Arbeit aus den Therapiesitzungen zu ergänzen. Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass digitale Lösungen die unterstützende Beziehung [zwischen Therapeut und Patient] stärken, welche der Schlüssel zu einer erfolgreichen Therapie ist. Je automatisierter diese digitalen Anwendungen sind, desto größer ist die Reichweite eines einzelnen Therapeuten, um mit mehr Patienten in kürzerer Zeit über die Therapie von Angesicht zu Angesicht hinaus in Kontakt zu treten. Wie bereits erwähnt müssen psychologische und Verhaltensänderungen im Alltag der Patienten geschehen. Und gerade digitale Anwendungen sind für die meisten Menschen heutzutage ein integraler Bestandteil ihres Lebens.“

Wo liegen Ihrer Einschätzung nach die Grenzen für die Nutzung digitaler Lösungen in der Psychotherapie?

Aguilera: „Wir wissen, dass bei digitalen Anwendungen, welche ohne jeglichen menschlichen Kontakt oder menschliche Unterstützung betrieben werden, die Leute sehr häufig abspringen. Daher ist es wichtig, Menschen zu integrieren, um die Wirkung digitaler Lösungen auch nachhaltig zu machen. Algorithmische Anwendungen sind auch deswegen vielversprechend, weil sie flexibel sind und ans Individuum angepasst werden können; allerdings werden einige von der Tatsache, dass kein menschliches Wesen die Nachrichten schickt, abgeschreckt. Dieser Nachteil kann aber ausgeglichen werden, indem eindeutig ein Therapeut oder eine andere unterstützende Person Teil der digitalen Intervention ist. Für mich liegt der Schlüssel darin, eine möglichst effiziente Mischung zwischen dem Menschlichen und der Technologie zu finden.

 

Quelle: Bertelsmann-Stiftung
Bild: Gratisography, pexels.com